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Wörter finden, um Trauer und Schmerz zu verlieren

Jam, die Protagonistin aus Meg Wolitzers Roman, ist gerademal 15 Jahre jung als ihre erste Liebe Reeve Maxfield nach nur 41 Tagen intensiven Zusammenseins stirbt. Das sensible Mädchen verliert den Boden unter den Füssen. Zieht sich von allem zurück, wird depressiv. Die Eltern entscheiden, ihre Tochter in ein Internat für emotional fragile Teenager zu schicken.

Im Internat angekommen, belegt Jam unter anderen auch den Kurs "Ausgewählte Themen der Literaturgeschichte" bei der kurz vor ihrer Pensionierung stehenden Mrs. Quenell. Sie liest "The Bell Jar" (Die Glasglocke) von Sylvia Plath und bekommt ausserdem den Auftrag, Tagebuch zu führen. Ihre Tagebuchreise führt sie in den fiktiven Ort Belzhar (abgeleitet von "Bell Jar") und in die Zeit vor der Tragödie, als Reeve noch lebte.

Jam schlägt das Tagebuch auf und notiert den ersten Satz. Dabei erlebt sie ein eigentliches Wunder, sie entdeckt die Kraft des geschriebenen Wortes: Sie und Reeve sind wieder zusammen. Das hochsensible Mädchen erfährt seit langem wieder so etwas wie Glück. Auch für die anderen jugendlichen Kursteilnehmer, die mit einem ähnlichen Schicksal geschlagen sind, wird Belzhar zum fiktiven Ort, an dem sie alle die glückliche Zeit vor ihrer ganz persönlichen Tragödie, ihrer ganz eigenen Katastrophe noch einmal durchleben. Casey, das Mädchen im Rollstuhl, kann wieder laufen. Und der kleine Bruder von Sierra, der vermutlich entführt wurde, ist noch nicht verschwunden.

In Belzhar aber steht die Zeit still. Jam kann schreibenderweise mit Reeve nur erleben, was sie mit ihm bereits erlebt hat. Jam stellt enttäuscht fest, dass sich ihre Liebe nicht weiter entwickelt – nicht weiter entwickeln kann. Der Tod von Reeve ist die endgültige und definitive Absage an ihre gemeinsame Zukunft.

 

Die Seiten im Tagebuch werden immer knapper. Mit dem Ende kommt auch das traumatische Erlebnis immer näher. Soll Jam nochmals zurück nach Belzhar? Auf den letzten Seiten erwartet sie ja doch nur der bis anhin schlimmste Moment in ihrem Leben.

Zögernd und in grosser Angst wagt sie den Weg noch einmal. Sie befindet sich auf dem Sportplatz ihrer Schule. Und sie sieht, was sie nie sehen wollte, das für sie so Schreckliche, vor dem sie immer die Augen verschloss. Sie sieht der Wahrheit ins Auge, akzeptiert die Tatsache, begegnet dem für sie so unerträglichen Schmerz von Angesicht zu Angesicht und bekommt dadurch die Möglichkeit, die Trauerarbeit um Reeve abzuschliessen.

Das Tagebuch ist bis zur letzten Seite vollgeschrieben, kein Eintrag findet mehr Platz. Als Jam das Buch schliesst und zur Seite legt, erkennt sie: "In den vergangenen Wochen haben wir nach Wörtern gesucht, um das auszudrücken, was uns am Herzen lag." Gefunden hat sie den Weg zurück ins Leben.

Wolitzer, Meg: "Was uns bleibt ist jetzt"
(CBT Random House, München 2015, 384 S., Fr. 24.50)