Der Umgang mit Trauer

Auf welche Weise jemand um einen geliebten Menschen trauert, ist sehr unterschiedlich. Auch wie lange jemand braucht, um einen Todesfall zu verarbeiten, variiert von Person zu Person. Zwar gibt es verschiedene Modelle, die so genannte Trauerphasen  beschreiben, beispielsweise das Modell der Schweizer Psychologie-Professorin Verena Kast. Solche Modelle können aber bloss einen Anhaltspunkt dafür geben, in welchen Phasen der Trauerprozess ablaufen kann.

Trauer kommt in Wellen
In der Praxis hält sich Trauer meist nicht an vorgegebene Phasen. Das zeigen Ergebnisse aus der noch relativ jungen empirischen Trauerforschung . Einer der Pioniere auf dem Gebiet ist George A. Bonanno, Professor für klinische Psychologie. Er forscht seit mehr als zwanzig Jahren auf dem Gebiet und hat hunderte von Leuten zu ihrer Trauer befragt und über einen längeren Zeitraum begleitet.
Dabei stellte er fest, dass Trauer nicht in festen Phasen verläuft, sondern in Wellen kommt und geht. Leute, die jemanden verloren haben, werden wiederholt von tiefer Trauer überrollt, die nach relativ kurzer Zeit wieder abklingen kann, bevor die nächste Welle kommt. Dazwischen treten meist auch positive Gefühle auf. Wer also bereits kurz nach einem Todesfall wieder lächelt, lacht oder Momente des Glücks empfindet, sollte sich der positiven Gefühle nicht schämen: Auch sie gehören zum natürlichen Umgang mit dem Tod und helfen uns dabei, einen Verlust zu bewältigen.

Verstorbene bleiben präsent
Bei den meisten nimmt die Intensität und Häufigkeit dieser Trauerwellen bald ab, und die Person findet ein neues Gleichgewicht. Nur ein kleiner Teil braucht laut Bonanno professionelle Hilfe, der Rest lernt erstaunlich schnell und gut, wieder zu funktionieren und mit dem Verlust umzugehen.
Das heisst aber nicht, dass man danach nie mehr traurig ist oder dass man mit der verstorbenen Person ganz abgeschlossen hat. Laut Bonanno lassen viele einen geliebten Menschen nie ganz hinter sich, sondern bauen mit der Zeit eine neue Art der Beziehung zu ihm auf. Fühlen manchmal seine Präsenz, führen innere Zwiegespräche oder sprechen gar laut zu ihm. In einem Interview mit dem Kanadischen Fernsehsender TVOntario  erzählt er, dass er selbst manchmal Gespräche mit seinem Vater führt, den er im Alter von 23 Jahren verloren hat. Virtuelle Friedhöfe und Gedenkportale im Internet geben Hinterbliebenen heute neue Möglichkeiten, die Beziehung zu Verstorbenen weiterzuführen .

Tipps an Freunde
Man sollte niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu trauern hat. Wer einen nahestehenden Menschen verloren hat, fühlt meist selbst am besten, was für ihn gut ist. Trauer und Schmerz kann einem niemand abnehmen, aber Freunde können ihr Beileid aussprechen  und signalisieren, dass sie da sind, falls sie gebraucht werden. Pauschale Sätze wie «Das wird schon wieder», «Ich weiss wie du dich fühlst» oder «Du brauchst nur etwas Zeit» sollten unbedingt vermieden werden. Vielleicht möchte der oder die Betroffene darüber reden, gemeinsam schweigen, oder aber er oder sie braucht Zeit für sich allein. Aber auch wenn jemand nicht darüber sprechen will, Ablenkung braucht oder gar nicht so traurig scheint wie erwartet, sollte das akzeptiert werden. Denn jeder trauert anders.

Weiterführende Links:
- Buch von Psychologieprofessor und Trauerforscher
George A. Bonanno: «Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden»

- Forschungsprojekte von George A. Bonanno
- Interview mit George A. Bonanno auf MentalHelp.net (auf Englisch)

Artikel von Martina Huber für Gedenkzeit.ch