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Die Zeit danach: Trauer und Neubeginn

Es existieren die unterschiedlichsten Modelle der Trauerphasen, die sich in der Formulierung einzelner Phasen unterscheiden mögen, die aber alle davon ausgehen, dass der trauernde Mensch verschiedene Stadien durchlaufen muss.

 

Das Modell der Trauerphasen beginnt mit der Arbeit der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. In ihrem Buch "Interviews mit Sterbenden" aus dem Jahre 1969 beschreibt sie fünf Phasen, die Menschen am Ende ihres Lebens durchlaufen. Diese fünf Phasen lassen sich in ihrer Abfolge auch auf Menschen übertragen, die einen grossen Verlust erleiden. 1982 entwickelt die Psychologin Verena Kast daraus ihr Vierphasen-Modell. Sie formuliert die einzelnen Zeiträume, die ein trauernder Mensch durchschreiten muss, um einen schmerzlichen Verlust zu bewältigen.

 

Trauerarbeit

 

Trauern braucht Zeit. Und auch Raum. Und vor allem: Trauern ist keine Krankheit. Die Einen bekommen schneller wieder Boden unter die Füsse. Bei Anderen dauert es etwas länger. Ob man es alleine packt, zusammen mit Freunden angeht oder professionelle Hilfe in Anspruch nimmt – ganz egal: Die Zeit der Trauer ist eine kostbare Zeit. Kostbar gemeint im Sinn, dass in der Zeit der Trauer auch immer die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Es gilt, definitiv Abschied zu nehmen, damit ein Neustart gelingen kann. Das heisst nicht, dass die Verstorbene, der Verstorbene im neuen Leben keinen Platz mehr hat. Im Gegenteil. Sie oder er bleibt gegenwärtig: im schönen Erinnern.

 

Die Psychologie spricht von Trauerarbeit. Mit anderen Worten: Auch in der Trauer wird uns Menschen nichts geschenkt. Das Überwinden des Schmerzes, das Akzeptieren des Unvermeidlichen braucht viel Kraft. Wer um die einzelnen Trauerphasen weiss, der kann sich möglicherweise besser mit der Situation abfinden, weil er erkennen kann, in welchem Stadium er sich gerade befindet und wie es mit ganz grosser Wahrscheinlichkeit mit seinen Empfindungen und Gefühlen weitergehen wird.

 

Phase 1: Schock, Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen

Oft wird der Tod in dieser Phase vehement bestritten. "Das kann nicht sein!", "Das ist sicher ein grosser Irrtum!". Menschen in dieser Phase zeigen die unterschiedlichsten Symptome: Sie schwitzen, sie agieren fahrig, sie sind verwirrt. Diese erste Phase kann lediglich wenige Stunden dauern, aber auch mehrere Tage anhalten.

 

Phase 2: Emotionen unter Kontrolle

Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Angst, Zorn und Wut wechseln sich ab. Die Trauernden leben in einem Wechselbad der Gefühle. In diesem Gefühlschaos funktionieren die Allermeisten wie Roboter: Ihr Inneres dringt nicht nach Aussen. Sie erledigen, was zu erledigen ist. Meist sehr effizient.

 

Phase 3: Suchen, Finden, Loslassen, Verarbeiten

Die dritte Phase dauert sicher länger als die beiden ersten zusammen. In ihr findet die eigentliche Trauerarbeit statt. Es werden Zwiegespräche mit der verstorbenen Person gehalten, man geht zurück an gemeinsame Lieblingsorte, spricht mit Freundinnen und Freunden, erlebt erste glückliche Momente; um gleich wieder in ein schwarzes Loch zu fallen, aus dem sich zu befreien, unmöglich scheint, im Lauf der Zeit aber immer besser gelingt. Im Idealfall hat man sich am Ende dieser Phase mit der verstorbenen Person und dem Verlust ausgesöhnt.

 

Phase 4: Akzeptieren und Neubeginn

Die dauernde Abwesenheit und das definitive Nicht-mehr-zurückkommen des geliebten Menschen werden als Tatsache akzeptiert. Der Trauernde wird zum Aufbrechenden. Freude an den Dingen des Alltags stellt sich wieder ein. Es gibt eine Zukunft. Auf Stunden voller Trauer folgen glückliche Tage. Das Leben danach beginnt seinen Lauf zu nehmen.

 

Im Glück sind wir uns alle gleich. In der Trauer unterscheiden wir uns. Dieses Dichterwort passt zu den Trauerphasen. Wie lange eine Phase anhält, wie intensiv sie erlebt wird und ob aus dem "Trauerjahr" gar zwei oder drei werden oder ob es nur einige Monate dauert, hängt vom trauernden Menschen ab. Wie er denkt, fühlt, ob er religiös ist oder nicht. Wie auch immer: Ein Neuanfang ist möglich. Es gibt eine Zeit danach.