"Aller Macht beraubt, aber nicht der Liebe."

Im Glück fühlen wir uns verbunden: mit anderen Menschen, mit der Natur – die ganze Welt könnten wir umarmen. In der Trauer fühlen wir uns allein: verlassen von allen und allem. Wir sind nicht mehr von dieser Welt – der Schmerz nimmt Freude und Hoffnung. Schreiben kann helfen.

 

Im Umgang mit Krankheit und Tod kann das Schreiben helfen. Egal ob direkt betroffen oder als mitleidender, mitfühlender Angehöriger – wer zu Papier bringt, was ihn bedrückt, belastet, was ihm unsägliche Angst bereitet, kann erfahren, dass das schriftliche Formulieren die Gedanken bändigt. Das tagtägliche Kreisen um ein und dasselbe Thema, die ständige Bedrängnis durch Tod und Krankheit kann in ruhigere Bahnen gelenkt und durch das zu Papier bringen eine Kontinuität erhalten, die es der schreibenden Person erlaubt, den Lauf der Dinge besser akzeptieren zu können.

 Das Tagebuch

Das Tagebuch ist eine literarische Form. Denken wir an das Tagebuch der Anne Frank. Wer Tagebuch schreibt, muss aber keine Schriftstellerin, kein Schriftsteller sein. Das Tagebuch der Trauer ist nicht für die Veröffentlichung gedacht; es soll den Schreibenden, den Betroffenen gute Dienste erweisen. Sonst niemandem.

Als gutes Beispiel eines Tagesbuches und damit auch als mögliche Vorlage für sein eigenes Schreiben sei hier "Ich will mein Leben tanzen" von Meike Schneider (1982-2005) erwähnt. Es sind dies die Aufzeichnungen einer Studentin, die ihren Kampf gegen den Krebs verloren hat. Wut und Trauer, Freude und Hoffnung kommen zur Sprache. Aber auch Komisches, Absonderliches – es gibt viel zu lachen und viel zu weinen. Ein Eintrag lautet: "Mir ist schlecht vom Kalium und vom Flohschalenzeugs für meine Verdauung. Meine Haut tut sehr weh. […] Ich fühle mich wie in einer Sanduhr. Die Seifenblasen sind zerplatzt. Ich muss durchs Feuer, aller Macht beraubt, aber nicht der Liebe."

Schreiben hilft. Aber auch das Lesen. Meike Schneider hat ihre Tagebuch-Einträge via Rundmails an Familie, Freunde, Verwandte verschickt. Sie alle bildeten eine verschworene Gemeinschaft im Kampf gegen den Krebs, gegen das Sterben, gegen den Tod – für das Leben. Ihr Tagebuch gab nicht nur ihr Kraft, sondern auch den Leserinnen und Lesern ihrer mal komischen, mal traurigen Texte. Für die Hinterbliebenen bleibt es ein Dokument über den Tag hinaus, zum Nach- und Wiederlesen, um sich zu erinnern und schliesslich im guten Andenken weiterzuleben.

Der 2010 an einem Hirntumor erkrankte Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat mit "Arbeit und Struktur" ein 400-seitiges Dokument seiner Leiden und Freuden geschaffen: von der Diagnose bis kurz vor den Tod. Sein Verlag faste all seine "Blogs", die er vom 8. März 2010/13.00 Uhr bis zum 20. August 2013/14.00 Uhr verfasste, nachträglich zusammen. Er starb am 26. August 2013/23.15 Uhr.

Sein digitales Tagebuch war zunächst ausschliesslich für seine Freunde gedacht. Auf Drängen zeigte er sich schliesslich bereit, die Einträge unter dem oben erwähnten Titel als Blog im Internet zu veröffentlichen. Er erkannte, dass das strukturierte Arbeiten im Verlaufe seiner Krankheit immer wichtiger wurde, obwohl er das Schreiben oft als Belastung empfand, die ihm das Wertvollste, die verbleibende Lebenszeit, raubte.

Schreiben, Lesen – Lesen, Schreiben: Beides hilft in der Auseinandersetzung mit dem Aussergewöhnlichen, dem Unverständlichen. Philosoph Wittgenstein sagt: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Schreiben aber ist nicht Sprechen.