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(K)ein Ort für die Trauer

Wer Angehörige durch ein plötzlich eintretendes Ereignis – durch eine Naturkatastrophe oder einen Flugzeugabsturz zum Beispiel – verliert, steht vor dem absoluten Nichts. Ein Abschiednehmen ist nicht möglich. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da, einfach weg. Von einem Tag auf den anderen. Der Tod trifft die Hinterbliebenen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eine Beerdigung findet nicht statt. Der Unglücksort wird für die Allermeisten zum Ort des Erinnerns, zu einem Ort des Trauerns. Und nicht zuletzt auch zu einem Ort der Begegnung mit anderen vom Schicksal hart Geprüfter.

 

Der Flugzeugabsturz und der Tsunami lassen selten Überlebende zurück. Sie vernichten das Leben, sie zerstören alles. Was sie zurücklassen ist Verwüstung. Und verzweifelte Menschen. Das Grauen ist allgegenwärtig.

 

Abschied nehmen ist ein elementares Bedürfnis von uns Menschen. Wer einen geliebten Menschen verliert, der braucht das Ritual des Abschieds. Die Beerdigung, die Trauerfeier, das Verweilen am Totenbett, dies alles und noch viel mehr geben schliesslich Kraft, den grossen Verlust, wenn auch nicht zu verstehen, so doch im Laufe der Zeit besser akzeptieren zu können. Rituale schaffen Strukturen, die in den Tagen, in denen nichts mehr ist, wie es einmal war, für Trauernde absolut notwendig sind.

 

Immer wieder zieht es Menschen, die ihre Liebsten bei einem Unglück oder einer Katastrophe verloren haben, an den Ort des Grauens. Freunde und Familien werden mit Bussen an die entlegensten Orte gefahren. Die örtliche Turnhalle wird zur Trauerhalle umfunktioniert. Die Menschen vor Ort werden zu gleichfalls Betroffenen. Das Unglück vereint. Bringt zusammen, was so nie zusammengekommen wäre. Spendet das gemeinsame Trauern Trost? Sicher auch. Psychologen aber verweisen darauf, dass Menschen, die vor dem plötzlichen Nichts stehen, vor allem Strukturen brauchen. Sie sind es, die in den ersten Tagen nach dem Schrecken ein Weiterleben überhaupt erst ermöglichen.

 

Care Teams berichten, dass es sehr oft Formalitäten und Behördengänge sind, die es für die nächsten Angehörigen in der Folge des Unglücks zu erledigen gilt, die minimalen Halt geben können. Wenn alles auseinander driftet, kein Stein mehr auf dem anderen liegt, sind es die einfachen Dinge, die daran erinnern, dass es so etwas wie Normalität gibt.

 

Sehen, wo's passiert ist, ist wichtig. Nicht mehr nur aus der Presse informiert zu werden, sondern aus erster und kompetenter Hand zu erfahren, wie sich das tragische Ereignis zugetragen hat, gehört auch zum Umgang mit der Trauer. Vor Ort sein, da sein, wo die Tochter, der Sohn, die Mutter, der Vater, die Freundin, der Freund gestorben ist, macht Trauernde zu Vertrauten. Sie sind an dem Ort, wo es passiert ist. Die Mutter sieht, was ihre Tochter vielleicht auch noch gesehen hat, kurz bevor sie gestorben ist. Der Sohn spürt die Atmosphäre vor Ort, so wie sie sein Vater kurz vor der Katastrophe vielleicht auch noch gespürt hat. Es keimt die berechtigte Hoffnung auf einen allerletzten Austausch. Das Abschiednehmen vor Ort, am Platz des Unglücks kann ein kraftgebender Akt sein.

 

Auch Jahre nach der Katastrophe treffen sich Hinterbliebene am Tag des Unglücks vor Ort. Es werden von Jahr zu Jahr weniger. Viele aber lassen sich dieses Ritual auch nach langer Zeit nicht nehmen. Die grundsätzliche Erfahrung, dass ein Loslassen und ein Weiterleben mit neuem Mut und frischem Glück möglich sind, verbinden viele mit der Trauerarbeit, die sie an diesem für sie unverwechselbaren und einzigartigen Ort geleistet haben.