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Aus dem Leben gerissen

Die Gefahr, liebe Menschen durch einen Terroranschlag zu verlieren, steigt. Ob in westlichen Ländern oder in Drittweltländern – die Gefahr ist präsent. Die Bedrohung existiert – diese zu negieren, wird der Realität nicht gerecht. Einer, dem der Terror die Liebe seines Lebens genommen hat, ist der französische Journalist Antoine Leiris. In seinem Buch beschreibt er die ersten vierzehn Tage nach dem Anschlag, bei dem seine Frau zu Tode kam.

"Der Tod Ihrer Frau soll nicht sinnlos gewesen sein", bekommt er oft zu hören. "Gibt es denn einen sinnvollen Tod?", stellt er die Gegenfrage.  "Wäre es besser gewesen, meine Frau wäre an einem Tumor oder bei einen Unfall gestorben, als in jener verhängnisvollen Terrornacht in Paris bei einem Konzertbesuch?", fährt er rhetorisch fort. Er hadert nicht mit den Umständen des Todes, was in verzweifeln lässt, ist die plötzliche Abwesenheit seiner geliebten Frau, der Mutter seines 17 Monate alten Sohnes.

Noch in der gleichen Nacht, als er im allgemeinen Chaos, das in Paris herrschte, die Gewissheit hat, dass seine Frau unter den Opfern ist, nimmt er sich als verantwortungsvoller Vater in die Pflicht. Es ist beeindruckend zu lesen, wie er sich kaum mit den Mördern befasst. Er gibt ihnen weder Raum noch Zeit. Mit den zur Verfügung stehenden eigenen, kostbaren Ressourcen, will er bewusst umgehen. 

Für seinen Sohn hält er den Alltag aufrecht. Die täglichen Rituale pflegt er sorgsam weiter. Er kann sich auf Freunde und Familie verlassen. Das hilft. Seinen Sohn aber gibt er nicht in Obhut, er macht alleine weiter, übernimmt im Umgang mit dem Kleinen auch die Rituale seiner verstorbenen Frau.

Das Weiterfunktionieren wird für Antoine Leiris zur Strategie. Er lässt seine Frau für sich und die Mutter für seinen Sohn auf eine Art und Weise weiterleben, die einen staunen lassen. Er macht sich nichts vor. Seine Frau ist gestorben. Er negiert nicht den Tod. Aber: Er lässt sie im Respekt vor der Aufgabe und im Versprechen ihr gegenüber, das gemeinsame Kind in grosser Liebe zu erziehen, bei der Verrichtung alltäglicher Dinge weiterleben.

Er macht, was er machen muss: Leichenschau, Beerdigung, Gang durch die Ämter. Das Grab seiner Frau hat er nach der Beerdigung noch nicht besucht. Aus gutem Grund: Er gestaltet seine Tage für sich und damit vor allem auch für seinen Sohn gerade so, als ob sie noch da wäre.

Lösen wir uns an dieser Stelle vom Einzelschicksal des Antoine Leiris und betrachten das Verlieren eines Partners mitten aus einem aktiven und erfüllten Leben aus einer allgemeineren Perspektive. Wir stellen fest: Das Buch hilft, kann helfen, allen, die von einem ähnlichen Schicksal direkt oder aber als nächste Verwandte, Freunde oder Freundinnen betroffen sind. Weil die Todesursache seiner Frau für Leiris sekundär ist, hat sein Text Gültigkeit über sein individuelles Schicksal hinaus. An einer Stelle schreibt er "Der Tod hat auf meine Frau gewartet" – er hätte auch an ganz anderer Stelle an einem ganz anderen Ort zuschlagen können.

Sich den Schmerz von der Seele zu schreiben, ist eine von vielen Möglichkeiten, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Schreiben kann ein jeder, eine jede – es muss ja nicht veröffentlicht und einem Publikum zugänglich gemacht werden. Das soll nicht die Absicht sein. Leiris schreibt: "Ich sass am Computer, um all die Wörter, die mich quälten loszuwerden. Ich tippte sie ein, um sie zum Schweigen zu bringen."

Das Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" zeigt eine Möglichkeit, mit dem eigentlich Unmöglichen im Laufe der Zeit klar zu kommen. Es ist keine Bedienungsanleitung, es verspricht nichts. Die Souveränität aber, die der Verfasser – trotz grösstem Schmerz – beweist, gibt Hoffnung. Sein Text lässt die Vorstellung auf ein gutes Leben "danach" erahnen.

 

Das erwähnte Buch:

Leiris, Antoine: Meinen Hass bekommt ihr nicht; Blanvalet, 2016

Autor: haug, wiezel: publikationen